Artgerecht

Heute kam Frauchen mit einem dicken Hähnchen nach Hause. Sie machte die Verpackung ab und schmiss auch den Kassenzettel weg.

Dann kochte sie. Vegetarisch, wie sie mir erklärte. Das macht sie neuerdings öfter, weil sie die ganzen Tiertransporte hier zu einem großen Schlachthof leid ist. Das finden sie und der Pimpf eine große Sauerei, im wahrsten Sinn des Wortes. Herrchen, der eigentlich sehr gern Fleisch und Wurst isst, hat sich zähneknirschend gefügt. Oder sagen wir, Frauchen hat ihn mal wieder mit dem Augenklimpertrick überzeugt.

So ist nun leider immer weniger Wurst im Kühlschrank, meist Käse oder Brotaufstriche. Ich ahne, dass die Zeit vorbei geht, wo ich sicher war, immer wieder ein leckeres Würstchen abzustauben. Wobei Frauchen meinem Herrchen versprochen hat, bei der Bratwurst mal eine Ausnahme zu machen.

Es stehen nun Kartoffelpfannen, Gemüseaufläufe und Kräuternundeln auf dem Speiseplan und nur selten ein Stück Fleisch.

Deshalb wunderte mich das Hähnchen.

Interessiert kramte ich den Kassenzettel aus dem Papierkorb. Ich warf einen Blick drauf und stöhnte. Das Hühnervieh hat soviel,gekostet wie zwei Wochen allerbestes Futter für mich. Ich ahnte es. Deshalb also lag der Kassenzettel im Papierkorb.Da ich hier ja nicht mithelfen will, etwas zu vertuschen, dachte ich mir, ich leg den mal auf Herrchens Stuhl.

Als Herrchen nach Hause kam, sagte Frauchen so nebenbei :” Schatz, ich hab uns ein großes Hähnchen gekauft. Morgen gibt es Hühnersuppe und Sonntag dann Frikassee . ”

Er öffnete die Kühlschranktür. ” Das ist ein frei laufendes Hähnchen vom Bauern gewesen. Also artgerecht und so..” schob Frauchen nach.

“Oh fein, wars teuer?”

” Neeee,” sagte sie ” War auch nicht viel teurer.” Sie rührte weiter in ihrem Topf.

Als das Essen fertig war und alle Platz nahmen , erblickte Herrchen den Kassenzettel . Er fiel fast vom Stuhl, dann zerknüllte er den Zettel und seufzte tief.

“Ja, Gemüse ist ja auch ganz schön, nicht Bella? Einmal Fleisch im Monat muss bei den Preisen reichen.”

Frauchen sah mich unverwandt an und murmelte mir dann leise  und giftig zu: “Bella, du kommst als nächstes in den Topf! Verräter!”

Dabei grinste sie diabolisch.