Fasan

Gestern schien bei uns von morgens bis abends die Sonne. Frauchen nutzte die Gelegenheit, mich einmal wieder mit dem Fahrrad auszuführen. Heisst, ich durfte rennen bis die Zunge am Boden schleift.
Frauchen zog ihren roten Fahrradhelm über und holte ihr neues Fahrrad aus dem Keller. Das ist genauso rot wie ihr Helm und auch wie ihr Auto. Sie hat, glaub ich, gerade eine rote Phase.
Im letzten Jahr erst hat Herrchen es ihr gekauft, wahrscheinlich hat sie da wieder den Augenklimpertrick angewendet, so wie sie das immer macht. Ich muss unbedingt mal lernen, wie das funktioniert, denn bei mir klappt das nie. Ich kann klimpern soviel ich will, und bekomme doch kein Leckerchen.
Sie machte mich an einer Fahrradhaltestange für Hunde fest. Diese ist unter ihrem Sattel befestigt, somit braucht sie die Leine nicht festhalten. Das macht die Stange für sie und das funktioniert auch aus Russel-Sicht prima.
Sie wischte mit mit einem Tuch, dass sie aus der Tasche zauberte, noch einmal schnell übers Rad, das es glänzte, und dann gings los. Erst fuhren wir langsam, so zum warmwerden, an der Strasse entlang bis zum Wirtschaftsweg . Als wir einbogen wechselten wir einen Blick.
“Bella, hast du Bock? Los, gib Gummi!” und sie strampelte los. Und ich begann, vor Freude wie ein Husky zu jaulen und rannte los, immer schneller. Meinen Beine flogen, im gesteckten Galopp raste ich über den Asphalt, dass die Pfoten nur so glühten.
Nach 300 Metern hechelte Frauchen und ich auch, und wir liessen es wieder gemächlicher angehen.
Wir trudelten aus und Frauchen stieg ab, um mich mal schnüffeln zu lassen, und dass ich tun kann, was ein Hund tun muss. Pinkeln natürlich.
Sie schob das Rad, wir begutachteten zusammen die fast überlaufenden Gräben am Rand des Weges. Frauchen blieb stehen und schaute übers Rad in den Graben.
Ich schaute auch, aber im Gegensatz zu ihr sah ich den Fasan, der im Gebüsch auf der anderen Seite hockte und nun aufflatterte. Nun sah auch sie ihn, aber es war zu spät.
WuffWuffWuffWuff
Die Jagdlust hatte mich schon gepackt, und ich sprang todesmutig in den wassergefüllen Graben um den Fasan noch zu erwischen. Dabei vergaß ich glatt das Rad, das an mir dranhing und mit Getöse umfiel. Leider hing auch Frauchen an dem Rad. Sie machte nicht so viel Getöse beim fallen, nur schrie sie so schrill auf, dass mir minutenlang die Ohren fiepten.
Ich versuchte immer noch den Fasan zu bekommen, währenddessen Frauchen versuchte, sich aufzurappeln und ihr neues Fahrrad vor den Fluten des Straßengrabens zu retten.
Es war allerdings recht schwierig, weil sie sich mit der Hose in der Kette des Rades verfing, und ich somit gezwungen war, das Rad und sie mit ins Wasser zu nehmen. Sie wehrte sich ganz schön.
Ich war erstaunt, wieviel Kraft ich hatte. Werfe ich einfach so mein Frauchen um. Und wer mein Frauchen kennt, weiss, ungefähr was ich für eine Kraft haben muss. Jaahaa..
Jedenfalls dauerte es eine Weile, bis sie wieder auf den Beinen stand, das Rad auf dem Weg war und ich auch wieder da, wo ich ihrer Meinung nach hingehörte. An ihr Rad.
Nur sah es nun nicht mehr neu aus. Das Putzen hätte sie sich sparen können, auch ein neues Vorderrad wird sie brauchen.
Frauchen redete kein Wort mehr mit mir, als sie mich und das Rad humpelnd nach Hause schob.
Sie trocknete mich schweigend ab und sperrte mich in meine Box. Ich solle mal darüber nachdenken, was ich getan hab, sagte sie.
Ich schlief ein und träumte von wunderbaren zarten Fasanenbraten. Ob sie das meinte?
Werd morgen noch einmal nach dem Fasan Ausschau halten, wenn Frauchen ein neues Vorderrad hat.
Wuff